Robert James Fischer

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Robert James „Bobby“ Fischer (* 9. März 1943 in Chicago, † 17. Januar 2008 in Reykjavík, Island)) war ein Schach-Großmeister US-amerikanischer Herkunft und - seit 2005 - isländischer Staatsangehörigkeit. Er wurde in den USA als Held gefeiert, nachdem er auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs am 1. September 1972 bei der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik den Russen Boris Spasski bezwungen hatte. Zwanzig Jahre später gewann Fischer eine inoffizielle „WM-Revanche“ in Sveti Stefan und Belgrad.

Jugend

Bobby Fischer kam als Kind von Regina Fischer, geborene Wender, und Hans-Gerhardt Fischer, einem deutschen Biophysiker, zur Welt. Allerdings ist die Vaterschaft von Hans-Gerhardt Fischer umstritten: Es spricht einiges dafür, dass ein jüdischer Physiker und US-Immigrant ungarischer Herkunft namens Paul Felix Nemenyi Fischers leiblicher Vater war. Die Ehe seiner Eltern, die Ende 1933 in Moskau geschlossen worden war, scheiterte als er zwei Jahre alt war. Danach wuchs er bei seiner allein erziehenden, aus der Schweiz stammenden Mutter und seiner fünf Jahre älteren Schwester (Joan Targ) in Mobile, Arizona und Brooklyn (New York City) auf. Er erlernte Schach mit sechs Jahren. Den Titel eines Großmeisters errang er 1958. Im gleichen Jahr, mit 15, brach er seine von ihm als nutzlos empfundene Schulausbildung ab, um sich ganz dem Schach zu widmen.

Schachkarriere

Bereits als Dreizehnjähriger wurde er durch die sogenannte Partie des Jahrhunderts schlagartig bekannt. Im Alter von 14 Jahren war Fischer das erste Mal US-Champion – der bis dahin jüngste überhaupt. Zwischen 1957 und 1966 gewann er achtmal in Folge die amerikanische Meisterschaft, 1964 gelang es ihm sogar alle 11 Partien zu gewinnen (keine Niederlage, kein Remis). Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft gewann er 1970 überlegen das Interzonenturnier in Palma de Mallorca und 1971 die anschließenden Kandidatenwettkämpfe gegen Mark Taimanow (Viertelfinale), Bent Larsen (Halbfinale), jeweils mit dem sensationellen Ergebnis von 6-0, sowie das Finale gegen den Ex-Weltmeister Tigran Petrosjan mit 6,5-2,5.

Den Titel des Schachweltmeisters eroberte er 1972 in Reykjavik in einem legendären Wettkampf gegen Boris Spasski. Obwohl der Zweikampf wegen seines exzentrischen Verhaltens mehrfach kurz vor dem Scheitern stand und Fischer sogar eine Partie kampflos verlor, gewann er schließlich deutlich mit 12,5-8,5. Es bedurfte allerdings einiger Überredungskunst, damit Fischer überhaupt an dem Turnier teilnahm: So war sowohl ein Telefonat von Henry Kissinger nötig, als auch eine Intervention des britischen Millionärs James Slater, der eigens das Preisgeld erhöhte. Fischer erhielt so gut wie keine Unterstützung seitens des amerikanischen Schachverbandes, dafür wurde aber seine Mutter jahrelang vom FBI verfolgt und benachteiligt, zeitweilig auch Fischer selbst. Seine russischen Gegenspieler hatten alle Unterstützung des Apparates, solange sie nicht verloren.

Nachdem er Weltmeister geworden war, spielte er jahrelang keine Turnierpartie mehr. 1975 erkannte ihm die Weltschachorganisation FIDE den Titel ab, nachdem Verhandlungen über die Bedingungen einer Titelverteidigung zu keinem Ergebnis geführt hatten. Sein Nachfolger wurde Anatoli Karpow, gegen den er nie eine Partie gespielt hat.

Fischer betrachtet sich indes nach wie vor als Schachweltmeister, da ihn niemand in einem WM-Kampf geschlagen hat.

Sein 1969 erschienenes Buch My 60 Memorable Games (deutsch: Meine 60 denkwürdigen Partien) gilt noch heute als eines der besten Schachbücher überhaupt. Ursprünglich sollte das Werk My life in chess heissen, diesen Titel behielt er sich jedoch für eine Autobiographie vor, die aber nie erschien. Er arbeitete drei Jahre an den Analysen, die Einführungstexte zu den einzelnen Partien wurden von Larry Evans geschrieben. Im Gegensatz zu den Partiesammlungen vieler anderer Großmeister nahm er nicht nur Gewinnpartien auf.

Ein 1988 erschienenes und 1993 auch verfilmtes Buch Searching for Bobby Fischer handelt nicht von ihm, sondern der Schachkarriere des Nachwuchstalents Joshua Waitzkin. Fischer, der keine Zustimmung zu diesem Titel gegeben hatte, ist der Meinung, sein Name sei nur zu Werbezwecken missbraucht worden.

Ein kurzes Comeback feierte er 1992, als er ausgerechnet im Jugoslawien des geächteten Diktators Slobodan Miloševic unter großem Medieninteresse einen Schaukampf gegen seinen alten Rivalen Boris Spasski mit 17,5-12,5 gewann. Damit verstieß er gegen das gegen Jugoslawien verhängte Embargo. Sein Heimatland USA, in das er fortan nicht mehr zurückkehren konnte, schrieb Fischer daraufhin per Haftbefehl weltweit zur Fahndung aus. Seitdem hat er sich wieder vom Schach zurückgezogen. Seit 2000 lebte Fischer hauptsächlich in Japan. Im März 2005 erhielt er dann die isländische Staatsbürgerschaft und konnte sich daraufhin auch dort niederlassen.

Eine von Fischer propagierte neue Art des Schachs ist das Fischer-Random-Chess, welches der Eröffnungstheorie-Lastigkeit des modernen computergestützten Schachs entgegenwirkt. Außerdem entwickelte er eine mittlerweile weit verbreitete elektronische Schachuhr, bei der die Spieler für jeden ausgeführten Zug zusätzliche Bedenkzeit zu dem Grundkontingent erhalten. Dadurch wird extreme Zeitnot vermieden.

Antisemitismus und Antiamerikanismus

Fischer, dem ein Intelligenzquotient von 184 attestiert wurde, gilt als einer der genialsten Schachspieler aller Zeiten. Sein Charakter gibt allerdings Anlass zu Kontroversen; so äußerte er sich – obwohl selbst Amerikaner sowie jüdischer Herkunft – wiederholt antiamerikanisch und auch antisemitisch. So verbreitete der bekennende Hitler-Fan im Internet und bei Radiointerviews antijüdische Hetztiraden und leugnete den Holocaust. Kenner von Fischer deuten diese Ausfälle mitunter als nachträglichen Aufstand gegen seine 1997 verstorbene Mutter Regina.

Besonders empört waren seine amerikanischen Mitbürger jedoch, als Fischer sich am 11. September 2001 in einem Radiointerview in Tokio positiv über den Terrorangriff auf das World Trade Center äußerte. Wörtlich sagte er: „Das sind wundervolle Neuigkeiten“ und „Tod den USA“ (orig. „F**k the US“). Aufgrund dieser und anderer Aussagen wurde Fischer die Mitgliedschaft im US-Schachverband entzogen. Mittlerweile hat Fischer seine US-Staatsbürgerschaft aufgegeben.

Gesetzeskonflikt

Eine so genannte Grand Jury hatte 1992 Fischer angeklagt, weil er trotz eines Verbots für eine Siegprämie von 3,3 Millionen Dollar nach Sveti Stefan, Jugoslawien gereist war. Eine (nicht vom Senat verabschiedete) Order von Präsident George H. W. Bush hatte seinerzeit alle „kommerziellen Aktivitäten“ mit Jugoslawien wegen dessen Rolle in Bosnien und Herzegowina untersagt.

Dem ehemaligen Weltmeister drohen wegen dieses Sanktionsbruchs in den USA bis zu zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe bis zu 250.000 Dollar. Fischer kehrte daraufhin nicht in die USA zurück, sondern hielt sich zeitweise in Deutschland, Ungarn, den Philippinen und Japan auf. Am 13. Juli 2004 wurde er beim Versuch der Ausreise aus Japan von japanischen Beamten aufgrund eines ungültigen Ausweises festgenommen und im Internierungszentrum von Ushiku bei Tokio inhaftiert. Japan lehnte seinen Asylantrag Ende August 2004 ab, da die Anklagen gegen Fischer in den USA nicht politischer Natur seien. Gegen diese Entscheidung legte Fischer Rechtsmittel ein, dabei fand er Unterstützung bei den rund 600 Mitgliedern des japanischen Schachverbands. Seine glühendste Verehrerin ist wohl die Verbandspräsidentin Miyoko Watai selbst, die seit August 2004 Fischers Verlobte ist – das Paar hat mittlerweile die Heirat in Tokyo beantragt. Ob die beabsichtigte Heirat ein Schachzug zur Abwendung der drohenden Abschiebung ist, bleibt ungewiss.

Am 14. Dezember 2004 strahlte der isländische TV-Sender Stöd 2 ein Telefon-Interview mit dem in Japan inhaftierten Fischer aus. In jenem Interview beklagt er sich darüber, dass er aufgrund des oben erwähnten Schaukampfes 1992 (im Interview sagt er irrtümlicherweise „1972“) in Sveti Stefan, Jugoslawien gegen Boris Spasski widerrechtlich festgehalten wird. Er berichtet, er sei derzeit in einem Gefängnis in unmittelbarer Nähe eines defekten Atomkraftwerks inhaftiert; dies mit der Absicht, ihn über kurz oder lang zu kontaminieren. Ferner drohe ihm die Abschiebung in die USA, wo er „ohne Zweifel ermordet würde“, weil er sich immer gegen die Juden ausgesprochen, weil er Juden im Schach besiegt hätte - und, wie er unmittelbar hinzufügte, Amerika überhaupt „ein Land voller Juden“ sei. Im Anschluss berichtet er von seinen Anstrengungen, Kontakt mit Angehörigen der isländischen Regierung aufzunehmen, um dort Asyl zu bekommen. So berichtet Die Welt in ihrer Ausgabe vom 28. Januar 2005 („Island gibt Bobby Fischer Asyl - Der Ex-Schachweltmeister will mit deutschem Paß Japan verlassen - Noch fehlt ihm die Erlaubnis“) von Fischers Versuchen, einer Deportation in die USA zu entgehen. Seitens der isländischen Botschaft sei ihm eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt worden, seine Ausreise sei jedoch „auf Grund diverser Visumbestimmungen noch unklar“.

An seinem 62. Geburtstag erhielt er einen isländischen Reisepass. Nachdem die japanischen Behörden diesen als unzureichend für eine Freilassung erachteten, erhielt Fischer am 22. März 2005 durch ein vom isländischen Parlament verabschiedetes Gesetz die isländische Staatsangehörigkeit und drei Tage später erreichte Fischer Island in Begleitung seiner japanischen Verlobten Miyoko Watai.

Zitat

„Er ist im Versteckspiel genauso gut wie im Schach“ (Freund Jack Collins anlässlich des Untertauchens von Fischer 1992)

Literatur

  • Bobby Fischer: Meine 60 denkwürdigen Partien. Verlag Eduard Wildhagen, Hamburg 1969.
  • Rudolf Teschner: Fischer gegen Spasski, Goldmann, München 1972. ISBN 3-442-03312-8
  • Frank Brady: Bobby Fischer, profile of a prodigy. New York: McKay 1973.
  • Aleksander Pasternjak: Schach-Phänomen Bobby Fischer. Olms-Verlag, Zürich 1991 (Nachdruck der Ausgabe München 1973). ISBN 3-283-00242-8
  • Christiaan M. Bijl: Die gesammelten Partien von Robert J. Fischer, Ijmuiden 1976.
  • H. Kramer und S.H. Postma: Das Schachphänomen Robert Fischer, Nederhorst den Berg, 2. Aufl. 1982.
  • Elie Agur: Bobby Fischer. His approach to chess, London 1992 (dt. 2. Aufl. Hollfeld 1996).
  • Robert E. Burger: The chess of Bobby Fischer, San Francisco 1994.
  • Robert Hübner: Weltmeister Fischer (CD-ROM). ChessBase 2003. ISBN 3-935602-71-5
  • David Edmonds und John Eidinow: Bobby Fischer goes to war. London: Faber and Faber 2004. ISBN 0-571-21411-8
  • Garry Kasparov: My great predecessors, Part IV, Fischer, London 2004. ISBN 1-85744-395-0

Weblinks